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Artikel vom 01.11.2005


Zu-zweit-Sein als kosmische Begegnung

FESTIVAL Die Greifswalder Tanztendenzen lassen mit Klasse, Geist und Unterhaltung zugleich ein anspruchsvolles Publikum auf seine Kosten kommen.

Von Philip Rössner

Greifswald. Die Greifswalder Tanztendenzen sind über die Jahre ein kleines Festival geworden. Nicht mehr eine Woche, sondern nur noch drei Abende lang gab es in diesem Jahr etwas zu sehen, und nicht mehr aufwendige Produktionen mit großen Tanzkompanien, sondern vornehmlich Duette und Soli waren eingeladen. Angesichts des sorgfältig zusammengestellten Programms, angesichts der strategischen Verlegung vom Frühjahr auf den Herbst und nun wieder sehr positiven Besucherzahlen lässt sich allerdings konstatieren: Die Tanztendenzen haben die Kurve gekriegt. Minimalistisch in der Formsprache, aber auf unterschiedlichste Weise verdichtet im Ausdruck, ließen insgesamt sechs internationale Produktionen zum Finale am Wochenende die Liebhaber bewegten Geistes auf ihre Kosten kommen.
Den Auftakt im proppenvollen „TaP“ – auf der Probebühne des Theaters Vorpommern – besorgte Teresa Ranieri mit einer Studie über den freien Willen. Obgleich absehbar in der Entwicklung, schlug die zunehmend improvisierte, sich in stiller Eleganz entfaltende Eigenständigkeit in Bann.
Exotisch, sich vorschneller Deutung widersetzend war das Gastspiel von Ae-Soon Jang und Seung- Min Yang aus Korea. Gespeist von hochgradig verfeinertem Körperbewusstsein und fernöstlicher Philosophie vollzog sich auf einer mittig gelegten, laufstegartigen Fläche das Zu-zweit-Sein als Begegnung kosmischer Dimensionen. Das eigentlich Wundersame der Paarbildung offenbarte sich im gleichzeitigen, aber nur selten parallelen Fluss zweier Organismen: Strebend, dehnend, vorfühlend, sich mit kleinen Berührungen oder nur drei Schritten begnügend, erzeugten die beiden mit stupender Anmut ein selten gesehenes Konzentrat von Geist und Sinnlichkeit.
Die Produktion der Nachwuchschoreographin Sandra Schöll musste danach naturgemäß abfallen, zeigte Überlängen und strapazierte die Symbolik zweier konkurrierender Frauen(körper) bis zur Ermüdungsgrenze, gefiel andererseits als Manifestation gänzlich trübsalfreier und keck kalkulierter Selbstbedienung vorhandener Wahrnehmungsreflexe.
Der nächste Abend bot ein weiteres Panorama tänzerischer Kultur und Klasse: Pàl Frenàk aus Ungarn rief mit seiner zwar roboterartigen, aber von Taubstummengestik durchsetzten Performance ebenso abgründige wie anrührende Assoziationen hervor, und auch das Duett der jungen tschechischen Tänzerinnen Tereza Ondrovà und Veronika Knytlová beeindruckte mit streckenweise mitreißender Intensität.
Das Sujet der Automatismen, die eine Beziehung eher lähmen als ermöglichen, wurde im letzten Stück abstrahiert und verallgemeinert. In der minutiös durchgestalteten Choreographie von Heike Hennig tanzten vier junge Männer eine nimmermüde Dressur maskuliner Seinswelt. Virtuos und geschmeidig zeigte das Quartett ein beredtes und überraschungsreiches Spektrum der Affekte, die das normierte Verhalten vom Büro bis zur Beerdigung mit tragikomischer Verve auffächerten. Ein krönender und repräsentativer Abschluss der diesjährigen Tanztendenzen. Nicht alles muss hinterfragt werden, zuweilen genügen die konkreten, konzentrierten und stilsicheren Darstellungen, um ein anspruchsvolles Publikum mit Inhalt und Unterhaltung zugleich zu begeistern.
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© Nordkurier.de am 02.11.2005