"Essen ist fertig!", sagt jemand,
und die Saaltür in der Scheune wird geöffnet, um das Publikum
hereinzulassen. Der typische Mutti-Befehl ist Startsignal für die
Produktion "Fremde" III der Kompanie Heike Hennig. Wie geahnt,
sitzen dann auch die sieben Akteure am Tisch, löffeln Quarkspeise
und unterhalten sich kultiviert, mit gedämpfter Stimme. Ganz in
Familie eben, oder vielmehr in einer harmonischen WG. Das
"Wohnzimmer" ist nicht gerade modern ausgestattet, eindeutig
Ausrangiertes vom Wertstoffhof oder Trödelmarkt. Ein Wohnmilieu des
Übergangs, wild zusammengewürfelt. Nach und nach wird jedoch klar,
dass die Auswahl des Mobiliars nach tanztheatralischer
Zweckmäßigkeit geprüft worden ist. Ein Herd, in den man aus Verdruss
den Oberkörper hineinschieben kann. Ein Tisch, der robust sein muss
und nicht wackeln darf, da er als akrobatische Grundlage einiges
auszuhalten hat. Eine Hängematte, die realitätsfern, also
ungewöhnlich hoch angebracht ist und die zum Zufluchtsort wird. Eine
Stehlampe vom Design "Tulpe" der 60er Jahre, die als Mikro dienen
kann.
Es ist nicht neu, dass Zuschauern auf der Bühne etwas vorgegessen
wird. Auch nicht die Idee, das Private hinter dem Schlüsselloch ins
grelle Licht des Hinterfragens zu stellen. Solche Ansätze
existierten im Tanz und Theater lange, bevor der menschliche
Voyeurismus-Drang zu Big-Brother-Spannerei ins TV-Format gepresst
wurde. In der Kunst gibt es glücklicherweise kein Lebensumfeld, das
sich nicht neu erfinden lässt. Die Arbeit der jungen talentierten
Leipziger Choreografin und Tänzerin Heike Hennig, der dritte Teil
vom Zyklus zum Thema "Fremde", fasziniert mit einer sensiblen
Mischung aus skurrilem Witz und tiefgründiger Melancholie, einem
ausgewogenen Wechsel von Dynamik und Ruhepolen und dem Gespür fürs
Dramatische im Banalen. Die überzeugendsten Bilder entstehen
ungezwungen aus scheinbar alltäglichen Handlungen der einzelnen
Figuren. Zwei Frauen "löffeln" mit synchronen Bewegungen Wissen aus
aufgeschlagenen Büchern, die freundliche männliche Massage eines
weiblichen Körpers wird zum Gewaltakt, in den dunkleren Ecken des
Raumes spielen sich dezent Identitätskrisen ab, ein Mann wird samt
seiner gelenkigen Gliedmaßen wortwörtlich in ein Telefongespräch
"verwickelt".
Immer wieder wird der vermeintliche Seelenfrieden durch die
Anderen oder etwas Unsichtbares gestört, zwingt zu neuen
Konstellationen, neuen Erscheinungsbildern. Schräg "gekämmte"
Individuen kommen und gehen. Ein Mann mit Gummihandschuhen stolziert
auf Zehenspitzen und wiegt verführerisch die Hüften, ein anderer
zerrt sich vergebens die Gasmaske vom Gesicht, eine Frau mit
mehreren Schichten Damenfummeln am Körper schwingt elegant einen
Hammer in der Hand. So ergibt sich ein steter Wechsel von
akrobatischer Bestleistung zu simulierter Normalität oder Monologen
über individuelle Problemzonen, vom Zerfallen des Ganzen in
Einzelstücke zum Wieder-Zusammensetzen eines anderen Ganzen, mit
wohl einkalkulierten Brüchen.
Mit sieben Tänzern ist die Produktions-Truppe für "sparsame"
Zeiten wie die unsere fast schon riesengroß - ein Hoffnungsschimmer
vielleicht für Trotzdem-Machbares in der freien Tanzszene. Das
Besondere ist aber auch die Zusammensetzung: freie Tänzer, Artisten,
Mehr-Sparten-Künstler. Man hätte aus diesem Potenzial eine
ordentliche Multikunst-Performance machen können - oder eine
atmosphärisch dichte Inszenierung wie diese. Gut entschieden!
Bistra Klunker