Heike Hennig & Co

© Leipziger Volkszeitung vom Montag, 23. September 2002

Das Vertraute wird die "Fremde"
 

Man möchte nicht Tisch sein auf der LOFFT-Bühne. Mit ungeheurer Wucht knallen Füße auf die Platte, rutschen Oberkörper über sie hinweg, krallen Hände sich an den Holzbeinen fest ... Ein Vorgang, der für die Akteure von Heike Hennig zum Tagesablauf gehört wie das Mittagessen. Seit sechs Wochen probt das Team der Premiere ihres Tanztheaterstücks am 26. September entgegen. Der dritte und letzte Teil von "Fremde" spielt sich zu Hause ab, zwischen Wohnzimmer-Couch, Sessel und jenem Esstisch, den Michael Veit und Frieder Tenschert zum Instrument ihrer dramatischen Akrobatik machen.

"Fremde" ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich: Während andere Kulturmacher wegen der angezogenen Sparschraube die Personnage so klein wie möglich halten, leistet sich Choreografin Hennig sieben Tänzer für ihre Produktion. "Ich fand alle beim Vortanzen so fantastisch, dass ich auf keinen verzichten wollte." Der Leipziger Niederlassung von IBMgefiel neben dem Konzept das idealistische Denken so gut, dass sie eine größere Fördersumme für "Fremde" locker machte.

Die Besetzung ist exzellent: Michael Veit und Steffen Fuchs tanzten bis vor kurzem für Uwe Scholz Opern-Ballett, Frieder Tenschert reiste als Akrobat, Jongleur und Clown durch Europa, Ron Kroß ist Jongleur und Feuerspucker. Gabi Francik arbeitet als Malerin in Toulouse und Leipzig, Iris Kleinschmidt und Jana Rath sind freischaffende Tänzerinnen. Unterschiedliche Einflüsse, die sich in der Inszenierung bemerkbar machen.

Einen hohen Anteil hat das Theaterspiel. Die Ausstrahlung der Akteure in den Sprechszenen wirkt so ungekünstelt, dass den Proben-Beobachter immer wieder das Gefühl beschleicht, der Spieler steige gerade aus seiner Rolle aus. All das in einer Arbeitsatmosphäre, die Heike Hennigs Schwärmen von der "extrem guten Chemie untereinander" bestätigt.

Der dritte Teil von "Fremde" ist ein Trip in mehrere Innenleben. Jeder lässt sich von seinen Interessen treiben, vom Griff ans Telefon bis zum Schaukeln in der Hängematte - bis ein unmerklicher Bruch die eingespielten Muster zersplittert. Der Plätzetausch sorgt für Chaos uns Aggression. Das Vertraute wird fremd, weil es die Besitzer wechselt. Eine Art "Herr der Fliegen" im Wohnzimmer-Land, allerdings mit einem Ende, das dem Credo von Heike Hennig entspricht.

Die Choreografin und Dozentin an HGBund Uni Leipzig studierte Tanz in Köln, Berlin, San Francisco; sie arbeitete in Lissabon, Rom, Bozen und Paris. Sie versteht die Fremde als Chance für Veränderung - trotz aller Irritationen, die das Unvertraute mit sich bringt. Dass die Mutter zweier Söhne seit vier Jahren wieder in ihrer Geburtstadt Leipzig lebt und so arbeiten kann, wie sie es immer wollte, empfindet sie als großes Glück. Sparzwang hin, Fördergeld-Dürre her - sie baut auf ihr Projekt "Gott der kleinen Dinge" (nach Arundhati Roys Roman) für die kommende euro-scene. Außerdem auf eine Großproduktion im nächsten Jahr. Und natürlich auf "Fremde". Als Chance.

Premiere "Fremde" im LOFFT am 26. September, außerdem 27. bis 29. 9.; 20.30 Uhr,

 Kartentel. 9 61 76 15

Mark Daniel

mdr-kultur “Figgaro”   Interview mit der Choreographin Heike Hennig am 26. September

mephisto 97,6   Interview mit Heike Hennig und Companie am 25. September


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