2010 Jahre Heike Hennig & Co

Kreuzer 12/02

Der Körper das Zeichen, die Stadt der Text
»Wurzeln und Visionen«. Unter diesem Motto steht die 12. Euro-scene, die vom 12. November bis 17. November stattfand. Der KREUZER blickt zurück auf die gezeigten Produktionen. Von Robert Schröpfer

Vier ChoreografInnen mit Leipzig-Bezug versammelte die Koproduktion von euro-scene und Schaubühne Lindenfels zum »Tagwerk - Werkstatt - Tanz«. Sie sollte an die »Tanzplattform Deutschland«, die 2001 in Leipzig stattfand, anschließen und das Festival stärker als nur mit der Gastspielnutzung von Bühnen an regionale Strukturen binden. Nach einer Ausschreibung bekamen die ausgewählten Künstler einen produktionsbegleitenden Mentor zur Seite gestellt.
Gezeigt wurde nach 14 Tagen Probenarbeit ein erstes Zwischenstadium, Materialanrisse zu einem work-in-progress, das innerhalb des kommenden Jahres mit den Etappen »Tanz im April« und euro-scene 2003 zu abendfüllenden Produktionen führen soll. Wer diesen »Abend Tanz in Leipzig« besuchte, musste sich also darauf einstellen, trotz Platzierung im Hauptprogramm nichts »Fertiges« geboten zu bekommen.

In Heike Hennigs »Soshama«, inspiriert von einer Romanvorlage, bilden zwei Frauen und ein Mann eine Diagonale über Parkett und Bühnenpodest des Schaubühnen-Saals, die sich dann zu einer Dreiergruppe verdichten in Gebärden des Alltags und umschlingen in durchträumten Nächten.
Michael Veitt ist hin- und hergerissen zwischen den roboterhaften, aber elastischen Stress-Repetitorien von Friederike Plafki und Heike Hennig selbst, deren Bewegungen er jeweils wechselnd synchron nachvollzieht. Das Paar findet sich am Ende im Mittelgrund, während Plafki sich in melancholischen Posen an der Rückwand verzehrt.
Hennigs Choreografie erzählt, komprimiert auf eine Viertelstunde, eine Geschichte um Liebe und ums Ausgestoßensein mit durchaus abendfüllender Perspektive.

© Leipziger Volkszeitung vom Donnerstag, 14. November 2002

Körper in heftigen Dialogen

Tanz ist Körpersprache, gerichtet ans Publikum, aber auch von Tänzer zu Tänzer. Dennoch lassen Choreografen ihre Akteure oft auftreten, als seien sie allein auf der Welt. Monolithisch, autistisch. Symptomatisch vielleicht für unsere Zeit. Die Frage nach Kommunikation, nach Beziehungen drängt sich auch bei "Tagwerk" auf, einer Werkstatt für vier junge Choreografen, ermöglicht durch euro-scene und Schaubühne Lindenfels als Produzenten. Sie drängt sich auf, wenn ein Tänzer in Martina La Bontés "Laboratoire Etoile" mit kantigen Bewegungen den eigenen Körper abmisst, völlig Ich-fixiert. Wenn ein zweiter über die Bühne hetzt, getrieben von Ja- und Nein-Rufen seiner Kollegen. La Bonté misst hier Leistung und Körper. Denn Tagwerk bezeichnet sowohl das, was jemand an einem Tag schafft, als auch ein Flächenmaß.

Ähnlich geht Takashi Iwaoka in "Day To Day Dream" vor. Die Arbeit, auch eher Entwurf denn Stück, gibt Einblick in vier "Tagwerke": das des Choreografen, des Tangolehrers, der Mutter und der Bürofrau. Letztere liefert eine der schönsten Sequenzen des Abends. Am Kaffeetisch füllt sie ihre Tasse, stößt sich mit dem Schreibtischstuhl ab, rollt drei, vier Meter übers Parkett, kommt am Notebooktisch zum Stehen. Dampf entweicht der Tasse. Ein Schluck. Und weiter getippt. Klasse.

Auf die Magie der Bewegung versteht sich niemand besser als Heike Hennig: In "Soshamma" verstricken sich die Tänzerkörper in Dialoge, lösen sich sanft oder jäh, tragen, fangen, schützen sich. Motive, die sich auch in Lara Kugelmanns mutiger Choreografie "See You" finden. Der Ansatz aber ist anders.Bei Kugelmann stehen neben zwei Tänzern und einem Musiker fünf Blinde auf der Bühne. Dass hier auch die Realität Regie führt, deuten schon die Straßenklamotten an. Kugelmann spielt damit, Zufall ins geordnete Tagwerk der Blinden zu bringen. Der Zuschauer wird Zeuge tastender Erkundungen, herzlicher Begegnungen, anrührender Szenen.

hep

 

mdr-kulturmagazin “artour” am 14. November 2002

Bericht über die 12. euro-scene Leipzig

“...magisch und nicht logisch...” die Choreographin Heike Hennig über ihr Tanzstück “soshamma”

 

Twitter News Förderverein Contact Impressum © miex.18/08/10